Wir müssen Chancen erkennen

Von Stephan Weichert

„Was war dein letzter großer Erfolg?“ Es ist eine der Fragen in Persönlichkeitstests, wenn es um die Stärkung der eigenen Widerstandskraft geht. Meine siebenjährige Tochter hatte dazu die passende Antwort parat: „Ich habe alle meine Kuscheltiere gebürstet.“ Der Elfjährige raunte: „Mein großer Erfolg ist, solche seltsamen Fragen zu beantworten.“

Dass bei uns Erwachsenen meist Einschränkungen von Gestaltungsspielräumen oder Ängste bei dieser Frage mitschwingen, liegt am mangelnden Selbstvertrauen, sich auf Neues einzulassen. Dem eigenen kreativen Freiheitsdrang nachzugehen, wird uns oft genug von anderen ausgeredet. In der Krise eine Möglichkeit zu sehen, sich positiv zu verändern, wird dadurch erschwert.

Chancen im Veränderungsprozess

Der unverstellte Blick auf die eigenen Stärken ist jedoch eine zentrale Triebfeder für Digitale Resilienz: Die Verwerfungen der Digitalisierung erfordern eine flexible Anpassungsleistung für Medienunternehmen, die auf einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ihrer Mitarbeiter:innen beruht. Statt der Defizite die Chancen im Veränderungsprozess zu erkennen, bildet die Basis für gelingenden Medienwandel.

Die größte Hürde liegt dabei erfahrungsgemäß nicht (immer) im Unwillen einzelner Journalist:innen. Im Gegenteil ist die Lust, sich auf Gedankenspiele einzulassen und Neues auszuprobieren, in vielen Redaktionen inzwischen erprobt – mal abgesehen vom gegenwärtigen Arbeitsdruck. Trotzdem ist die Flexibilität begrenzt: Wer bei Medien arbeitet, wo Beharrungskräfte überwiegen, hatte es schon immer schwer.

Gestaltungsspielräume gehören in den Mittelpunkt

Wie achtsame Führung auf Vertrauensbasis funktioniert, hat der Bestsellerautor Frédéric Laloux in seinen Büchern über „Organisationen als lebendige Systeme“ veranschaulicht. Eine gesunde Unternehmenskultur atmet erst, wenn Mitarbeiter:innen ihre Tätigkeiten als ebenso inspirierend wie sinnstiftend erleben. Solche Management-Ansätze auf Augenhöhe sind erfolgreich, weil sie nicht Erlöse, sondern eben Gestaltungsspielräume in den Mittelpunkt stellen.

In vielen Unternehmen gehören nach wie vor Blockierer, Bedenkenträger und Sanierer im Management zu den Risikofaktoren einer organisationalen Resilienz: Leute, die glauben, dass Change Management Mittel zum Zweck ist. Unter dem Deckmantel von Verschlankung, Restrukturierung und Downsizing geht es darum, kurzen Prozess zu machen.

Chance Management statt Change Management

Kein Wunder, dass es vielen Journalist:innen vor Change-Prozessen graut. Führungskräfte tun deshalb gut daran, das Chance Management zu kultivieren – das Erkennen „guter Gelegenheiten“ und kalkulierbarer Risiken, um ihre Teams erfolgreich zu begleiten: in einen besseren Journalismus; in digitale Dialoge mit dem Publikum ohne Hass und Häme.

Zwischen Willkür und Würgegriff zu agieren, kann in der Krise dagegen schlimme Folgen haben. Die sich verändernde Medienwelt bietet viele Chancen. Wir müssen sie nur ergreifen.

Stephan Weichert ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Mit Leif Kramp und Alexander von Streit hat er 2021 das VOCER Institut für Digitale Resilienz gegründet.