Gelassener durch die Krise

Von Stephan Weichert

„Wir stecken immer noch mitten in einer globalen Notsituation, die einen beispiellosen wirtschaftlichen Schock ausgelöst hat“, schrieb Francesca Bria neulich in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Viele Menschen litten weltweit seit Corona „unter zermürbender Unsicherheit“, sagt die Präsidentin des italienischen Nationalen Innovationsfonds, weil sich die wirtschaftliche Polarisierung verschärfe. Zugleich könnten Krisen, Kriege und Pandemien „die Vorstellungskraft einer Gesellschaft anregen“.

Es kann also durchaus Gutes bewirken, wenn wir in Krisen gezwungen werden, unser Denken zu ändern und rasch zu handeln. Ein flüchtiger Blick in die Medienbranche genügt, um zu erahnen, dass wir von einer „digitalen Souveränität“, wie sie sich Digital- und Innovationsexperten wie Bria wünschen, meilenweit entfernt sind – nicht nur gesellschaftlich, sondern auch medial gesehen. Unter den Vorzeichen des explosiven Gemischs aus Corona-Folgen und beschleunigter Digitalisierung ist ein erzwungener Richtungswechsel notwendig, damit sich etwas ändert.

Wichtiger Baustein der persönlichen Krisenkompetenz

Denn die existenziellen Sorgen und Nöte im Mediensektor fangen allmählich erst an, sich Gehör zu verschaffen und ihr Gesicht zu zeigen: der journalistische Unternehmer, der gerade seine erste Insolvenz hinter sich bringt und zweifelt, ob und wie es weitergehen soll; der Chefredakteur, der seine Redaktion vor ausufernder Hassrede schützen und sie im Umgang damit schulen will; die freiberufliche Kollegin, die wegen schlechter Auftragslage nun Hartz IV beantragen muss; der Geschäftsführer eines Zeitungshauses, der den digitalen Kulturwandel seiner Belegschaft vorantreiben möchte; und die Ressortleiterin, die überlegt, wann sie endlich den Absprung in die Selbstständigkeit wagen soll.

Dabei gelassen zu bleiben, fällt niemandem leicht. Möglichst unbeschadet durch solche strukturellen und individuellen Krisen zu kommen, kann jedoch schrittweise erlernt werden. Damit Medienschaffende resilienter werden, gibt es Lösungswege: Wiederkehrenden Stressoren begegnet die psychologische Resilienztherapie, indem aktiv ein Perspektivwechsel eingeleitet wird („Was könnte schlimmstenfalls/bestenfalls eintreten?“), die eigenen Ressourcen im kollegialen und privaten Umfeld aktiviert werden oder positiven Gedanken mehr Raum gegeben wird als negativen.

Wer dabei generell gelassener bleibt, ist im Vorteil: „Expect the unexpected“, also das Unberechenbare und Unerwartbare zu erwarten, sich auf plötzliche Veränderung flexibel einzustellen und auch in schweren Belastungssituationen den kreativen Kräften eine Chance zu geben, kann helfen, souveräner durch Krisen zu kommen.

Gelassenheit schrittweise lernen

Nicht nur unsere Gesellschaft taumelt gefühlt von Krise zu Krise. Die Strukturkrise der Medien macht aus Journalist:innen Dauergebeutelte, die sich in der Digitalisierung ständig neu erfinden und aufraffen müssen, um das Richtige zu tun. Das gilt sowohl in Bezug auf die unzureichenden digitalen Strategien als auch ihre soziale Verantwortung, die ihnen von immer weniger Menschen zuerkannt wird. Ihre Unverzichtbarkeit für die demokratische Mitbestimmung wird besonders in Krisen auf die Probe gestellt, gleichzeitig wird ihr Handlungsradius beengter – sei es durch den Missbrauch radikaler politischer Gruppierungen, Flurschäden durch Social Media oder die gierige Vereinnahmung großer Tech-Giganten.

In der digitalen Transformation lässig zu bleiben, ist für Medienschaffende somit ein wichtiger Baustein ihrer persönlichen Krisenkompetenz. Das gilt für die Qualität und Quantität ihrer Publikumsbeziehungen genauso wie für die wirtschaftliche Unabhängigkeit ihrer Arbeit und den gesundheitlichen Schutz vor Burnout oder toxischer Führungskultur. Unsere digitale Widerstandskraft zu stärken, wird aber nicht nur in einer Pandemie wichtiger. Denn was häufig übersehen wird, ist: Sich die nötige Gelassenheit anzutrainieren und die eigene Vorstellungskraft anzuregen, wird uns dauerhaft beschäftigen.

Stephan Weichert ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Mit Leif Kramp und Alexander von Streit hat er 2021 das VOCER Institut für Digitale Resilienz gegründet. (mehr)