Mit dem Drachen knuddeln

Von Stephan Weichert

„Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“ Als ich meiner siebenjährigen Tochter diese Frage stellte, verkündete sie freudestrahlend: „Ich würde einen Drachen knuddeln.“ Und mein Elfjähriger konterte: „Vom Zehner springen!“ In Gesprächen mit Führungskräften aus dem Journalismus erntet man nicht minder vielsagende Antworten. Auch sie machen sich plötzlich Gedanken über Dinge, die ihnen bisher eher mulmig zumute werden ließen – gerade unter den Vorzeichen von Corona. Der Drache ist nicht selten ein besonders starrsinniger Vorgesetzter; das Zehnmeterbrett symbolisiert den Sprung in die Tiefen der digitalen Transformation.

Beharrungskräfte hier, Unsicherheiten dort – Angst haben derzeit viele Journalist:innen. Die anhaltende Krisenstimmung setzt ihnen zu. Sie macht mürbe, überfordert, lässt viele am eigenen Tun zweifeln, manche sogar verzweifeln.

Wer flexibel ist, reagiert gelassen auf Stress und Belastungen

Für die Widerstandsfähigkeit in solchen Krisensituationen wurde lange Zeit das Stehaufmännchen bemüht. Inzwischen sind in der Resilienzforschung ganzheitlichere Bilder gebräuchlich, etwa das einer Bambuspflanze, die tief in der Erde verwurzelt ist und niemals bricht, so sehr ihr Wind und Wetter auch zusetzen. Sie ist standhaft, kann aber auch biegsam sein, um sich den vorherrschenden Bedingungen anzupassen. Ist auch der Mensch flexibel, reagiert er gelassener im Umgang mit Stress und Belastungen, um mit einer Krise fertig zu werden.

Was taugt die Resilienz als journalistisches Konzept? Viel. Aus zwei Gründen. Erstens: Hauptursache für misslungene Innovationsvorhaben in der Digitalisierung ist seit jeher die mangelnde Fähigkeit journalistischer Organisationen, sich an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Zweitens: Wenn Journalist:innen nicht krisenfest sind, können es ihre Arbeitgeber auch nicht sein.

Statt Reflexion regieren im Journalismus oft Vorurteil und Häme

Deshalb ist ein Perspektivwechsel nötig. Zentrale Dimensionen Digitaler Resilienz, wie wir sie verstehen, umfassen die Dialogbereitschaft gegenüber den Nutzer:innen, die Lösungsorientierung in der Berichterstattung, die digitalen Nachrichtenkompetenzen in der Bevölkerung, die Ansprache jüngerer Zielgruppen, die Vielfaltsförderung innerhalb von Redaktionen und den journalistischen Diskurswandel hin zur Werte- und Gemeinwohlorientierung. Gerade im irrsinnigen Wettlauf mit den sozialen Netzwerken bleiben Qualitätsstandards auf der Strecke: ungeprüfte Informationen, nicht ausrecherchierte Hintergründe, unterkomplexe Geschichten. Statt Reflexion regieren im Journalismus oft Vorurteil und Häme.

Zu einem gesünderen Journalismus gehören konstruktive Selbstzweifel

Solche Defizite zu thematisieren, hilft dabei, mit dem Druck fertig zu werden. Erst wenn wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass es „wie vorher“ werden muss, können wir aus Krisen lernen. Für einen gesünderen, widerstandsfähigeren Journalismus gehören konstruktive Selbstzweifel zum Selbstverständnis. Eine Bedingung, sich Digitale Resilienz anzutrainieren, ist es, zu überlegen: Was wäre, wenn es Journalismus in seiner jetzigen Form nicht mehr gäbe? Diese Frage sollte es uns ermöglichen, mit dem Drachen zu knuddeln.

Stephan Weichert ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Mit Leif Kramp und Alexander von Streit hat er 2021 das VOCER Institut für Digitale Resilienz gegründet.