Auf neue Potenziale vertrauen

Von Meena Stavesand

Festanstellung kündigen. In eine andere Stadt ziehen. Neuen Job finden. Dann: Vertrag doch nicht verlängern, sondern sich selbstständig machen. Mitten in einer weltweiten Pandemie, umgeben von Horrormeldungen über die schwierige Auftragslage bei Freiberufler:innen, habe ich mich für diese Unsicherheit entschieden. Die Reaktionen darauf waren vielfältig – positiv wie negativ. Sollte ich es beschreiben, würde ich sagen: von Entsetzen bis Bewunderung. Aber warum? Jede:r von uns hat Wissen und Kompetenzen, die in der Kombination vielleicht sogar einzigartig sind – und damit lässt sich immer punkten, egal ob freiberuflich oder angestellt.

Doch die Digitalisierung und die Corona-Pandemie haben gezeigt, dass sich die Welt und der Arbeitsmarkt schnell verändern können – mit fatalen Folgen wie Umsatzeinbrüchen und einem Leben am Existenzminimum. Was tun? Eine solche Krisensituation lässt sich – auch wenn’s zunächst schwerfällt – als Chance begreifen. Es hilft nicht, Probleme gebetsmühlenartig zu wiederholen. Wir müssen Lösungen finden und an uns arbeiten. Das gilt für Freiberufler:innen, Festangestellte und Unternehmen gleichermaßen.

Das eigene Können kreativ einsetzen

Aus herausfordernden Zeiten wie der Pandemie oder der digitalen Transformation etwas Positives zu ziehen und dadurch neue digitale Potenziale zu entdecken, wird eine der entscheidende Kompetenz der kommenden Jahre. Und der Schlüsselbegriff dafür heißt Digitale Resilienz, also digitale Widerstandsfähigkeit. Doch wenn alle Aufträge und Einnahmen wegbrechen – wie bei vielen Freiberufler:innen – ist es schwierig, die nötige Kraft zu sammeln und noch einmal neu loszulegen. Aber wer sich auf sein Können besinnt und dieses kreativ – vielleicht in einem anderen digitalen Aufgabenfeld – einsetzt, wird schlussendlich erfolgreich sein. Auch während eines Lockdowns.

Durch die Digitalisierung brechen Arbeits- und Denkweisen auf, so dass etwa eine Zeitungsredakteurin heutzutage mit einfachen Mittel ihren eigenen Podcast hosten oder ein Video-Journalist plötzlich einen textlastigen Newsletter herausgeben kann. Diese Flexibilität ist die positive Seite des digitalen Wandels. Er verlangt uns aber auch mit seiner Fülle an Möglichkeiten einiges ab. Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten und den für sich richtigen Weg zu finden. Darum ist eine ständige Fokussierung der eigenen Arbeit nötig – und bei Schwierigkeiten den Mut zu haben, Neues anzupacken, Altes zu verlassen und bestimmte Dinge nicht (mehr) zu machen.

Unsere Fähigkeiten entdecken wir nur, wenn wir Neues probieren

Zur Flexibilität und Fokussierung gesellt sich eine dritte Eigenschaft für ein resilientes Arbeiten und Leben: nicht immer perfekt sein. Dass ich als (ehemalige) Print-Redakteurin aktuell ausschließlich im Digitalen arbeite, liegt wohl auch daran, dass ich eben keine Perfektionistin bin. Ich erlaube es mir, Fehler zu machen. Das Streben nach Perfektion verstärkt nur die Angst vor Fehlern – und bremst uns aus, manchmal sogar so weit, dass wir gar nichts mehr anfangen. Aber unsere Fähigkeiten entdecken wir nur, wenn wir Neues probieren. Hätte ich nicht einfach einen Podcast gestartet, wüsste ich nicht, dass ich es kann und dass es mir Spaß macht. Das Gleiche zählt für die Selbstständigkeit. Darum gilt immer: Etwas wagen. Scheitern. Lehren daraus ziehen. Neues probieren. Spaß haben. Erfolgreich sein. So schließt der Text, wie er begonnen hat.

Meena Stavesand ist freie Journalistin, Gründerin des journalistischen Innovationslabors White Lab und Redaktionsleiterin von VOCER.