Mehr Empathie wagen

Von Alexander von Streit

Stellen Sie sich vor, Journalismus wäre ein Produkt. Vielleicht wie Brot. Sie arbeiten in einer Bäckerei hinten in der Backstube, Sie suchen die richtigen Zutaten zusammen, kneten sie zu einem möglichst schmackhaften Teig und backen das Ding im Ofen fertig. So wie Ihre hart recherchierte Story, die aufwendig produzierte TV-Doku oder den atmosphärisch verdichteten Podcast, in dessen Produktion Sie viele Wochen investiert haben. Ihr Brot wird dann später im Ladenregal liegen, irgendwelche Menschen werden es kaufen. Weil Brot zu ihrem Ernährungsalltag gehört. Und vielleicht, weil es nur einen Bäcker in der Gegend gibt. Oder weil das Brot genau dem Bedürfnis entspricht, das die Kund*innen haben.

Interesse für die Bedürfnisse des Publikums

Wenn wir uns die Frage stellen, wie wir Journalismus besser machen können, dann ist diese Produktperspektive hilfreich – und dabei die Frage, was die Menschen eigentlich brauchen. Diese Frage beantworten wir aber leider meist aus unserer Sicht. Weil es unsere Profession ist, weil wir diejenigen sind, die recherchieren, schreiben, schneiden und vertonen – und dabei am bestmöglichen Ergebnis arbeiten. Weil wir für Journalismus brennen. Aber das reicht nicht in Zeiten, in denen Medien längst ihre traditionelle Rolle als Gatekeeper verloren haben und nur noch eine Komponente einer digitalen Informationsmixtur sind.

Wir müssen uns mehr mit den Menschen auseinandersetzen, die unser Produkt konsumieren. Das Publikum also, das vielleicht Journalismus nicht automatisch als Grundnahrungsmittel sieht, aber durchaus ein Bedürfnis danach hat. Wir sollten von ihnen besser lernen, wie dieses Bedürfnis aussieht. Kommunikation ist dabei ein zentraler Punkt – Journalismus als Gespräch mit der Community. Aber es gibt einen weiteren Aspekt: Die Frage der Haltung, mit der Journalist*innen und Medienmarken in dieses Gespräch gehen. Und vielleicht ist Empathie die Antwort.

Mit Empathie zu Digitaler Resilienz

Wir brauchen einen empathischen Journalismus, der die Bedürfnisse des Publikums wahrnimmt, ihnen dabei offen gegenübersteht und sie in eine Publikationsstrategie überführt. Empathischer Journalismus meint nicht, dass wir uns thematisch an unsere Leser*innen, Zuschauer*innen und Hörer*innen ranschmeißen. Und er ist so ziemlich das Gegenteil von der wenig nachhaltigen Praxis, sie mit Reizthemen als manipulierbares Klickvieh durch anzeigenfinanzierte Publikationen zu treiben. Es geht vielmehr darum, sich intensiv, mit wirklichem Interesse und auf Augenhöhe mit den Perspektiven des Publikums zu beschäftigen und diese grundsätzlich in unserer journalistischen Arbeit mitzudenken.

Es gab vielleicht mal Zeiten, in denen Empathie als Schwäche galt. Heute ist längst klar, dass sie im Gegenteil eine der wichtigsten Superkräfte für die Herausforderungen einer diversen Gesellschaft ist. Eine Superkraft, die auch dem Journalismus mehr digitale Resilienz in Zeiten des Medienwandels verschaffen kann.

Alexander von Streit ist Journalist und Mitgründer des Onlinemagazins Krautreporter. Am Vocer Institut für Digitale Resilienz engagiert er sich für eine Stärkung der digitalen Widerstandskraft im Journalismus.